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Test: City Tales: Medieval Era – Wie gut funktioniert das mittelalterliche Cozy-Aufbauspiel

Mit City Tales: Medieval Era möchte das kleine Entwicklerstudio Irregular Shapes zeigen, dass das Mittelalter nicht immer ruppig und dunkel sein muss. Die Vision ist klar: Ein Aufbautitel ohne Druck, Konflikte oder Bedrohungen, der dennoch genügend Struktur und Motivation bietet, um längerfristig bei Laune zu halten. Die Frage ist jedoch, ob dieser Spagat gelingt, oder ob City Tales am Ende nur zum kurzweiligen Aufbau-Spaß reicht.

 

Sean Connery, bist du es?

Die Grundprämisse des Spiels ist denkbar simpel und folgt den Grundprinzipien des Genres. Man übernimmt die Rolle eines Erben von Herzog Leon IV. von Montalba, der ein Stück Land vermacht bekommen hat. Aus einem kargen Fleckchen Erde soll eine blühende mittelalterliche Metropole entstehen, wobei sechs anfängliche Begleiter mit unterschiedlichen Fähigkeiten zur Seite stehen. Diese Gefährten sind mehr als bloße Gameplay-Mechaniken, sie haben eigene Geschichten und Quests, die im Laufe des Spiels freigeschaltet werden.

Die Hauptstory wird dabei durch einen Berater vorangetrieben, der der Bruder von Sean Connery aus „Der Name der Rose“ sein könnte und regelmäßig Aufträge verteilt, die zum Ausbau der Stadt anregen und neue Mechaniken einführen. Die Dialoge sind auf Deutsch verfügbar, allerdings unvertont und erfüllen ihren Zweck eher funktional als dass sie durch besondere Erzählkunst glänzen würden. Es geht um politische Beziehungen, Intrigen zwischen Adelshäusern und die Entwicklung der eigenen Grafschaft, ohne dass die Geschichte dabei wirklich packt oder überrascht.

Hat jemand „Der Name der Rose“ geguckt? | Bild © 2026 Firesquid

 

Organischer Städtebau

Das eigentliche Herzstück von City Tales liegt in seinem innovativen Städtebau-System, das sich deutlich von klassischen Gittersystemen wie in Anno oder Cities: Skylines unterscheidet. Statt einzelne Gebäude zu platzieren, markiert man mit einem Zonierungswerkzeug Felder auf der Karte, die sich organisch in die Landschaft einfügen. Diese Gemarkungen füllen sich dann nach und nach automatisch mit Wohnhäusern, wobei die Größe der Zone die Anzahl der Grundstücke bestimmt.

Innerhalb jeder Gemarkung können bis zu zwei Nicht-Wohngebäude wie Brunnen, Kapellen, Tavernen, Webereien oder Schulen platziert werden, die das Wohlergehen und die Entwicklung der Bewohner sicherstellen. Dieser Ansatz bietet deutlich mehr gestalterische Freiheit als starre Rastersysteme und ermöglicht es, sowohl große zusammenhängende Wohnviertel als auch kleine spezialisierte Handwerkerviertel zu errichten. Die Häuser verbinden sich in höheren Bevölkerungsstufen optisch miteinander, was in Kombi mit dem mittelalterlichen Look richtig atmosphärisch aussieht.

Ein besonderes Feature ist das Einflusssystem der Gemarkungen. Jede Zone übt einen Einflussradius aus, der nicht vom einzelnen Gebäude, sondern vom Zentrum der Gemarkung ausgeht. Dies erfordert strategisches Denken bei der Platzierung öffentlicher Dienste und Produktionsgebäude, da man genau überlegen muss, welche Einrichtungen in welchem Gebiet noch fehlen und wie man den verfügbaren Platz optimal nutzt. Dank der Overlays, die jederzeit eingeblendet werden können, verliert man dabei nie den Überblick. Das System funktioniert gut und motiviert dazu, die Stadtplanung durchdacht anzugehen, auch wenn es nie wirklich komplex oder fordernd wird und man für Fehler nur bedingt abgestraft wird.

City Tales: Medieval Era

Die Zonen sorgen für ein naürliches Stadtbild. | Bild © 2026 Firesquid

 

Gefährten, statt namenlose Bewohner

Das Ressourcenmanagement in City Tales weicht ebenfalls von den Standards des Genres ab. Anders als in Anno-Spielen, muss man keine durchgehende Versorgung mit Waren sicherstellen. Stattdessen werden für jedes neue Gebäude und jedes Upgrade einmalige Kosten fällig. Ressourcen wie Holz, Stein, Nahrung, Textilien und später auch spezialisierte Waren müssen durch Produktionsgebäude hergestellt werden, die außerhalb der Gemarkungen platziert werden. Hier kommt das Gefährtensystem ins Spiel. Begleiter können Gebäuden zugewiesen werden, um die Produktion zu starten und zu beschleunigen.

Mit der Zeit trainieren sie die Bürger, sodass die Produktion auch ohne Gefährten autonom läuft. Je länger ein Gefährte einem Produktionstyp zugewiesen ist, desto höher steigt sein Level in diesem Bereich und desto effizienter wird er beim Hochleveln neuer Gebäude derselben Kategorie. Dieser Mechanismus wurde in der finalen Version überarbeitet und sorgt nun für interessantere Entscheidungen, da man abwägen müssen, ob sie Gefährten neuen Gebäuden zuweisen oder sie länger an einem Ort lassen, um ihre Fähigkeiten zu steigern. Das ist eine nette taktische Komponente, die aber auch keine besonders negativen Konsequenzen mit sich zieht, sollte man die Figuren für verschiedene Bereiche einsetzen, anstatt sich zu spezialisieren.

City Tales: Medieval Era

Gefährten können sich in gewissen Produktionsbereichen verbessern. | Bild © 2026 Firesquid

 

Entspannt. Oder schon zu entspannt?

Das klingt zunächst nach Tiefe, offenbart aber gleichzeitig die größte Schwäche des Spiels: den mangelnden Schwierigkeitsgrad. City Tales ist zu keinem Zeitpunkt wirklich herausfordernd. Es gibt keine Bedrohungen, keine Katastrophen, keine wirtschaftlichen Krisen und auch keine Invasoren, die die Stadt bedrohen könnten. Man kann das Spiel auf maximaler Geschwindigkeit laufen lassen, Ressourcen anhäufen und dann problemlos alles upgraden, ohne jemals in ernsthafte Schwierigkeiten zu geraten.

Selbst auf höheren Schwierigkeitsgraden bleibt die Herausforderung überschaubar, und oft sind Quests bereits erfüllt, bevor sie überhaupt gegeben werden, weil man die benötigten Ressourcen längst im Überschuss produziert hat. Das mag für Spieler, die nach einem entspannten Erlebnis ohne Stress suchen, genau richtig sein, dürfte aber Fans von Titeln wie Manor Lords, Farthest Frontier oder Anno, die komplexe Wirtschaftskreisläufe und echte Herausforderungen erwarten, enttäuschen. Und ja, ich sehe, dass City Tales genau so sein soll. Cozy und unkompliziert. Da sind wir bei der berühmten Geschmacksfrage.

Die drei verfügbaren Schwierigkeitsgrade Bard (einfach), Settler (standard) und Advisor (schwer), bieten zwar etwas Variation, ändern aber wenig an der grundlegenden Zugänglichkeit des Spiels. Selbst auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad reicht es meist, bei Platzmangel einfach eine weitere Gemarkung zu platzieren, um Engpässe zu beheben. Eine echte Herausforderung entsteht erst im Lategame, wenn Spieler mit dem Wissen um fortgeschrittene Mechaniken wie die Hamlets-Erweiterungen von vorne beginnen und versuchen, ihre Stadt effizienter und durchdachter aufzubauen. Das macht einen zweiten Durchgang durchaus reizvoll, besonders für Optimierer, die das Maximum aus ihrer Wirtschaft herausholen wollen.

City Tales: Medieval Era

Wohngebäude entstehen automatisch in einer neu angelegten Zone. | Bild © 2026 Firesquid

 

Stimmt der Wuselfaktor?

Optisch präsentiert sich City Tales in einem niedlichen, farbenfrohen Look mit liebevoll animierten Bewohnern, die durch die Straßen wuseln und ihren täglichen Geschäften nachgehen. Die Städte wirken lebendig und detailreich, umgeben von dichten Wäldern aus Laub- und Nadelbäumen sowie reißenden Flüssen. Der malerische Stil erinnert an eine Mischung aus Manor Lords und den klassischen Anno-Spielen, wenngleich der Wuselfaktor nicht ganz an Titel wie Pioneers of Pagonia heranreicht. Die seichte mittelalterliche Musik unterstreicht das entspannte Spielgeschehen perfekt und schafft eine immersive Atmosphäre, besonders das Hauptmenü-Lied hebt sich positiv hervor. Technisch läuft das Spiel solide. Nennenswerte Bugs, Glitches, Freezes oder Ruckler sind beim Testen nicht aufgetreten.

Der Umfang von City Tales ist für einen Indie-Titel durchaus respektabel. Bis zum Freischalten aller Inhalte im normalen Spielmodus vergehen etwa zehn Stunden, wobei die meisten Tester das Spiel auf maximaler Geschwindigkeit durchgespielt haben. Mit zwei verfügbaren Karten, 47 Gebäudetypen, 29 Ressourcen und 14 vollentwickelten Gefährten bietet das Spiel genug Inhalt, um für mehrere Durchgänge zu motivieren, besonders wenn man unterschiedliche Stadtlayouts ausprobieren oder alle Begleitergeschichten erleben möchte (die mich persönlich jetzt aber nicht sonderlich bereichert haben).

Die finale Version bringt zudem das Marvels-System mit. Hier können monumentale Bauwerke mit hohem Einsatz und hohen Belohnungen erbaut werden, sowie erweiterte Upgrade-Stufen für Häuser, ein ausgereifteres Schloss- und Verteidigungssystem und einen Kreativmodus für diejenigen, die einfach nur bauen möchten, ohne sich um Ressourcen zu kümmern.

City Tales: Medieval Era

Nach und nach erweitert sich euer Baumenü. | Bild © 2026 Firesquid

 

Fazit zu City Tales: Medieval Era

Im direkten Vergleich mit der Konkurrenz präsentiert sich City Tales klar als eher entspanntes Aufbauspiel. Wer fordernde Wirtschaftssimulationen wie Farthest Frontier sucht, komplexe Produktionsketten wie in Anno bevorzugt oder die taktischen Elemente von Manor Lords schätzt, wird hier nicht fündig. City Tales ist nämlich das Aufbauspiel für Feierabende und entspannte Wochenenden, bei dem man abschalten und einfach zusehen kann, wie die eigene mittelalterliche Vision Gestalt annimmt. Es erinnert in seiner Philosophie an Spiele wie Dorfromantik oder Townscaper, nur mit mehr Spielmechaniken und Struktur. Für Einsteiger in das Genre ist es ebenfalls ideal, da das Tutorial klar verständlich ist, die Benutzeroberfläche zugänglich gestaltet wurde und man nicht von komplexen Systemen erschlagen wird.

Unterm Strich ist City Tales: Medieval Era ein solides und ansprechendes Aufbauspiel, das genau das liefert, was es verspricht: eine entspannte, stressfreie Städtebau-Erfahrung in einer schönen mittelalterlichen Welt. Das organische Zonierungssystem ist innovativ und bietet echte gestalterische Freiheit, das Gefährtensystem verleiht dem Ganzen eine persönliche Note, und die Präsentation stimmt mit ihrem malerischen Look und der stimmungsvollen Musik. Wer jedoch nach Herausforderungen, komplexen Mechaniken oder tiefgreifenden strategischen Entscheidungen sucht, sollte sich anderweitig umsehen. City Tales ist ein Wohlfühlspiel. Und zwar ein sehr Schönes.

Christian Koitka (Redakteur)

Positiv:

Will ein Cozy-Aufbauspiel sein und genau das liefert es auch
Süßer Look mit atmosphärischer Musik
Die Zonierung sorgt für einen organischen und schönen Städtebau
Das Gefährtensystem bringt zumindest frischen Wind rein
Bietet eine breite Palette an Gebäudetypen

Negativ:

Wer Herausforderungen sucht, wird keine finden
Gefährtensystem im Kern cool, aufgrund fehlender Herausforderung & Konsequenz aber leicht redundant
Leider keine tiefgreiferenden Managementoptionen innerhalb der Distrikte

Online Multiplayer

Couch-Koop / Splitscreen

Mikrotransaktionen

Lootboxen

Onlinezwang

Kostenpflichtiger Seasonpass für DLCs

Ab in die Sammlung?

Du willst einfach nur entspannt Bauen? Dann bist du hier richtig!

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